Zen Road
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Die Wesentliche Praxis des Sitzens

Ein Gesprächsabend mit Zen-Mönch Philippe Coupey
Westwerk, Hamburg, 3. Mai 2005

 

[Foto von Philippe und den zwei Assistenten während des Vortrags im Westwerk, Hamburg, Mai 2005]
Einführung Uli Schnabel:

Guten Abend und herzlich willkommen im Hamburger Westwerk zu unserem Gesprächsabend mit Philippe Coupey. Philippe ist Zen-Mönch und lebt in Paris. Er kommt mehrmals im Jahr nach Deutschland um Übungsperioden (Sesshin) zu leiten, die von den Dojos unserer Schule organisiert werden.

Ein Wort zu unserer Schule: sie wurde von Meister Taisen Deshimaru gegründet, der 1967 als einfacher Zen-Mönch nach Paris kam. Er bezog eine kleine Wohnung in Paris und fing an, Zen zu unterrichten, hier in Europa. Wichtig war ihm vor allem, die Praxis des Zen zu vermitteln; er sagte, die Europäer haben genug Philosophie und Theorie, was fehlt, ist eine praktische Methode, um das Erwachen zu realisieren.

 

Diese Praxis — Zazen — unterrichtete er zunächst in Paris, dann in Frankreich und später in ganz Europa. Er hat mehrere hundert Dojos in Europa, die Association Zen Internationale (AZI) und einen großen Tempel in der Nähe von Paris, La Gendronnière, gegründet, der sozusagen das Zentrum dieser Schule geworden ist.

 

1982 ist Meister Deshimaru gestorben, seither führen seine ältesten Schüler, zu denen auch Philippe Coupey gehört, die Unterweisung ihres Meisters fort. Die AZI hat sich seither stark vergrößert und auch differenziert; es gibt einzelne Schüler, die selbst Tempel gegründet haben. Philippe dagegen lebt weiter in Paris, ist dort Verantwortlicher des Pariser Dojos, und reist in Deutschland und Frankreich umher, um Sesshins zu leiten.

 

Er hat zwei Bücher geschrieben, die auf der Unterweisung von Meister Deshimaru beruhen. Eines davon Die Stimme des Tales ist derzeit vergriffen; in Amerika steht es sozusagen auf dem Index, ist nicht lieferbar, weil es kritische Aussagen über andere Schulen enthält, vielleicht wird Philippe auch ein wenig darüber sprechen.

 

Es kann auch kontrovers werden. Hier wird nicht die reine buddhistische Zen-Lehre vertreten, wir sind offen für Ihre Fragen — vielen Dank und viel Vergnügen.



Die Leerheit

 

Ph.C.: Ich denke, er hat eine sehr gute Rede gehalten! Er hat mich auf ein paar Ideen gebracht...

 

Es stimmt, ich komme gerade aus Paris und als ich am Hamburger Flughafen ankam, sagte ich zu meiner Sekretärin: „Mein Gott, Ich habe für dieses Gespräch überhaupt nichts vorbereitet, mein Kopf ist ganz leer.“ Und meine Sekretärin sagte: „Na, das ist doch sehr gut.“ (Lachen) Darüber habe ich dann etwas nachgedacht. Leerheit ist nur eine andauernde Veränderung. Und in einer andauernden Veränderung gibt es nichts. Es gibt nichts persönliches, es gibt keine persönlichen Gedanken. Das ist der Zustand meines Geistes in diesem Augenblick. Ich weiß nicht, was ich Ihnen erzählen werde. Ich habe versucht, ein paar von Ulis Aussagen zu behalten, so dass ich darauf aufbauen kann...

 

Er war ein großer Meister und er hatte tatsächlich keinen Tempel

 

[Foto eines schmunzelnden Philippe Coupey während des Vortrags, Mai 2005]

 

Ja, ich traf Meister Deshimaru 1972. Er war ein Schüler von Kodo Sawaki, dessen Bild Sie heute hier überall sehen. Er war ein großer Meister und er hatte tatsächlich keinen Tempel. Er wurde der „Heimatlose Kodo“ genannt. Er reiste nur von einem Ort zum anderen. Ich war überrascht, als ich hörte, dass er gewöhnlich mit einem Anhänger voller Bücher reiste. Ich denke, das machte er aus dem Grund, dass auch er ein paar Ideen parat hatte, wenn er eine Rede halten musste.

 

Meister Deshimaru machte in der gleichen Weise weiter. Ganz am Ende seines Lebens gründete er den Tempel „La Gendronnière“ aber ich glaube nicht, dass er dabei einen Tempel oder ein Kloster im Sinn hatte, wie sie zur Zeit im Westen entstehen. Es gab wirklich nicht viel äußere Struktur, die ihn wie auch immer beeinflusste. Er hatte sehr wenig Verbindungen zur Sotoshu (die Sotoshu ist wie der Vatikan). Er war von ihr nicht einmal anerkannt. Aber heute scheint gerade das immer wichtiger zu werden: nicht nur Teil einer Struktur zu sein, was notwendig ist, wie ich meine, sondern in die extremen Bereiche dieser Struktur zu gelangen, womit ich Klöster oder Tempel meine, in denen man lebt und praktiziert.

 

Eines ist aber wahr: alle praktizieren Zen. Ob Sie in einem Tempel sind oder draußen, wie ich, die Praxis des Sitzens ist absolut entscheidend und wesentlich.

 

Aber ich denke, man muss vorsichtig sein, wenn man sich selbst in solchen Bereichen befindet. Zen begann mit Buddha. Die Weitergabe begann, als Buddha eine Blume in seiner Hand drehte und Mahakashyapa, sein engster Schüler, lächelte. Das ist ein sehr schöner, vorsichtiger und von Duft erfüllter Beginn. Dennoch lebte Buddha nicht in einem Kloster. Das Klosterleben begannen erst richtig nach seinem Tod. Nach Buddhas Tod komponierten seine Schüler die ersten Sutras aus ihrer Erinnerung. Und sie lebten in Klöstern mit all den Regeln, die damit verbunden sind. Sie verstanden Buddhas Lehre als eine Lehre von Disziplin und Glauben: Glauben an Buddha und Glauben an die anderen Buddhas vor ihm.


Mahayana-Buddhismus

 

500 Jahre später aber, etwa im ersten Jahrhundert (Buddha starb etwa um 500 vor Christus), waren viele Praktizierende unzufrieden. Sie hatten das Gefühl, unter diesen Bedingungen nicht erwachen zu können, denn Glaube ist nicht eine der wesentlichen Bedingungen für Erleuchtung oder Satori; ebenso wenig wie das Leben in einem Kloster oder das wortgetreue Befolgen der Gebote. Deshalb schrieben sie ihre eigenen Sutras. Natürlich sagen wir das normalerweise nicht so. Wir sagen, es sind Buddhas Sutras. Aber es konnten nicht Buddhas Sutras sein: wir sind jetzt 500 Jahre nach seinem Tod. Zu dieser Zeit erschienen das Lotus Sutra, das Prajnaparamita Sutra von Nagarjuna, das Vimalakirti Sutra... Diese Sutras basierten nicht auf Erinnerungen, wie die früheren Sutras, die als „Hinayana-Sutras“ bezeichnet wurden. Diese Sutras wurden nicht von Lehrmeistern geschrieben; sie wurden nicht von Mönchen in Klöstern geschrieben.

 

Also, wer schrieb sie? Sie sind Buddhas Worte, wie man sagt, aber sie wurden komponiert von erleuchteten Menschen, erleuchteten Mönchen, außerhalb der Klöster, die tatsächlich selbst Buddhas waren. Nachdem sie die Klöster und das, was man später die Hinayana- oder Theravada-Tradition nannte, verlassen hatten, wurden sie vollständig erleuchtet und als sie diese Sutras schrieben, so schrieben sie sie vom Standpunkt des erleuchteten Menschen. Nicht als „weltliche Schüler“, die nach Erleuchtung streben, sondern fernab von „weltlich“ oder „religiös“ — weder weltlich noch klösterlich. Sie waren einfach nur erleuchtete Menschen. Dies wurde später dann als Mahayana-Buddhismus bezeichnet. Sie waren es, die die Ausdrücke „kleines Gefährt“ und „großes Gefährt“ zu verwenden begannen: das „kleine“ meinte Hinayana und das „große“ meinte Mahayana. Nicht „groß“ im Sinne von besser sondern „groß“ im Sinne von weiter, in dem Sinne, dass jeder — jeder einzelne Mensch — erleuchtet werden kann. Das ist ganz anders, als der Hinayana-Ansatz, der sehr viel mehr auf Glaube beruht.

 

Sie werden das, was ich jetzt sage, nicht in Büchern von Gelehrten finden. Gelehrte behaupten, nicht ganz korrekt, dass Mahayana auch reiner Glaube ist. Natürlich ist Glaube wesentlich. Aber es ist nicht die treibende Kraft des Mahayana. Das Problem mit dem Glauben ist, dass wenn Sie an eine Person glauben, sie eine Form von Vergötterung schaffen. Im Mahayana hält man den Arhat des Hinayana nicht wirklich für einen erleuchteten Menschen — obwohl er eine höchst vertrauensvolle Person war. Aus diesem Grund trennten sie sich. Und das ist die wirkliche Wurzel des Zen. Nicht Tempel und nicht Klöster.

 

(Pause)

 

Ich habe gerade versucht, an die Einführung von Uli anzuknüpfen. Aber wie auch immer; kommen wir zum Anfang zurück:

 

Ich kam also am nächsten Tag zum Sitzen. Es war schrecklich.

 

Ich traf Meister Deshimaru 1972. Während ich in Paris eine der Kampfkünste praktizierte, hörte ich von Deshimaru und seinem Dojo und ich entschied mich, einen Blick hineinzuwerfen. Das muss für mich sehr wichtig gewesen sein, denn ich wollte alleine dahin gehen. Ich denke, wenn Ihnen etwas sehr wichtig ist, dann reden Sie — sogar unbewusst — nicht darüber, Sie erzählen es keinem — aber sie gehen hin.

 

Ich erinnere mich, dass ich bedächtig über den Friedhof Montparnasse dorthin ging: irgendwie brachten mich alle diese toten Menschen dem näher, wohin ich ging. Ich hatte jedoch viele Zweifel. Ich hatte Bücher über Zen gelesen aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass Zen-Buddhismus und ein richtiger Zen-Meister heute noch existierten.

 

Ich kam an. Ich wurde umher geführt. Der Meister war nicht da, nur seine Sekretärin. Sie fragte mich, ob ich das Dojo sehen wollte; ich sagte ja. Ich hatte nie zuvor in meinem Leben ein Zen-Dojo gesehen. Ich habe auch nie wirklich daran gedacht, jemandem zu folgen. Ich war, wie die meisten Menschen: ein Individualist. Ich hatte eine Frau und eine Tochter. Ich war ein Schriftsteller und bin es immer noch. Damals war ich nur Schriftsteller und verdiente mir meinen Lebensunterhalt wie auch immer nebenbei.

 

Also gut, ich betrat das Dojo und ich hatte ein sehr starkes Gefühl aber ich wusste nicht, was für ein Gefühl das war. Die Sekretärin sagte: „Wollen Sie die Glocke hören?“ und ich antwortete „Ja bitte, ich würde die Glocke sehr gern hören“. Sie läutete die Glocke und... Sie alle kennen den Ausdruck déjà vu. Ich bin sicher, die meisten von Ihnen haben schon diese Erfahrung gemacht: es ist, als wenn Sie es zuvor schon gehört haben oder als wenn Sie zuvor schon da gewesen wären. Ich würde nicht sagen in einem anderen Leben, denn das hätte alle möglichen Konsequenzen zur Folge. Obwohl „in anderen Leben“ einfach das Leben von uns allen im Hier und Jetzt in jedem von uns bedeutet. Es ist nicht das Individuum, das wiedergeboren wird. Es ist ein Akt von Millionen von Menschen. Und daher kommt das déjà vu. Ich hatte diese Glocke zuvor gehört déjà vu.

 

Ich kam also am nächsten Tag zum Sitzen. Es war schrecklich. Ich denke, wir litten mehr zu dieser Zeit als jemand, der heute mit der Praxis beginnt. Deshimaru war für längere Zeit nicht in Frankreich als ich ankam und die Sangha, die Gruppe um ihn, war sehr jung. Wenn ich auf die mehr als 30 Jahre zurückschaue, die ich praktiziert habe, ist es, als wenn wir damals Kinder gewesen wären und heute sind wir keine Kinder mehr — „wir“ das heißt alle von uns. Anders gesagt, wenn Sie praktizieren, sind Sie keine Kinder mehr, weil wir die Kinder waren, an Ihrer Stelle. Heute haben Sie etwas anderes zu tun für uns und für alle anderen: das, was Erwachsene tun, die den Weg suchen und die einen Sinn in ihrem eigenen Leben finden möchten. Und natürlich kann das nicht für lange Zeit auf Ihr eigenes Leben begrenzt bleiben. Man muss für alle Leben leben.

 

Wir litten also schrecklich. Es war sehr, sehr schmerzhaft. Letztendlich raffte ich den Mut zusammen, einen Tag zu praktizieren — manchmal machen wir Ein-Tag-Sessionen. Ich brauchte lange, um dafür den Mut zu finden. Heute sehe ich Anfänger dazu kommen, die das recht mühelos machen. Ich musste aufstehen und hinaus gehen, musste mich übergeben, dann kam ich zurück...

 

Wie auch immer, ich hatte während der ersten zwei Wochen Meister Deshimaru nicht gehört und ihn nicht einmal gesehen, weil er auf einem Sesshin in Deutschland war. Als er zurück kam, wusste ich nicht, dass er da ist. Ich litt in nur in meiner Ecke (Lachen) und durchlief natürlich alle Gedanken die man so durchläuft: „Was tue ich hier bloß vor dieser leeren Wand, vor der ich sitze?“ Das ist eine gängige Reaktion, aber im Nachhinein kann man sich selbst viele Fragen stellen: Warum man diese Praxis ausübt und vor allem, was man von ihr erhofft zu bekommen. Wir sind in dieser Gesellschaft so darauf eingestellt etwas zu bekommen. Sie tun dies und Sie bekommen das. Desgleichen auch im Spirituellen: Sie tun dies und Sie bekommen das. Aber wenn man zurückschaut sieht man, dass man in Wirklichkeit nichts auswählt. Ich habe nicht gewählt, dorthin zu gehen. Meine Frage also „Was tue ich bloß hier?“ war völlig unbedeutend.

 

Also wie auch immer, ich sitze leidend in meiner Ecke... Als ich ankam wusste ich viel über Rinzai-Zen, was einem lehrt, das man Erleuchtung oder Satori durch Praxis erreicht. Nachdem ich die Werke von Professor Suzuki gelesen hatte, wusste ich dass man im Soto-Zen (unserer Praxis) nichts tut, man sitzt nur auf seinem Zafu (Kissen) und schläft ein. Also, ich sitze dort. Ich schlafe nicht, ich höre diese Stimme. Zuerst verstand ich die Sprache nicht. Dann dachte ich plötzlich „Wer immer er ist, er spricht englisch!“ Und er sagte:

„Im Soto-Zen gibt es nichts zu erreichen.“

Das muss ich im richtigen Moment meines Lebens zu hören bekommen haben. Denn falls ich je Erweckung oder Satori erlebt habe, so war das sicherlich in diesem Moment.

 

Es gibt nichts außergewöhnliches in dieser Aussage: „Es gibt nichts zu erreichen.“ Aber die Lage, in der man sich selbst befindet, gibt solch einer Aussage eine unendliche Wichtigkeit. Dies ist das Objekt und du bist das Subjekt und die beiden kommen zusammen... Und das ist wahres Satori. Die Umstände hier waren 30 Leute, die schweigend im Dojo saßen, ohne sich zu bewegen und alle in schwarzen Roben (außer mir selbst vielleicht). Und wir folgten unseren Gedanken nicht — letztendlich sollten wir unseren Gedanken nicht folgen. Ich denke, dass jeder dort gewissenhaft daran arbeitete, seinen Gedanken nicht zu folgen und korrekt zu praktizieren: in der richtigen Haltung zu sitzen mit gestreckter Wirbelsäule, den Kopf gerade auf den Schultern zu halten, nicht so (er hebt das Kinn), in Ekstase oder schläfrig, in Gedanken (er senkt das Kinn auf die Brust), sondern mit den Augen gerade aus und der Nase senkrecht. Das waren die Umstände und die Lage in der ich den Satz hörte „Es gibt nichts zu erreichen.“ Ich habe das nie in Frage gestellt, es hat mich seitdem nie mehr gestört. Und das waren die ersten Worte, die ich von Meister Deshimaru hörte.

 

Ich hatte Glück, denn so geschieht es nicht jedem. Manche Leute brauchen viele Jahre, um zu verstehen, dass es nichts zu erreichen gibt. Es ist ein extrem tiefgreifendes Konzept — vor allem während Sie in Zazen sitzen. Es ist so, als wenn Sie in einem Sarg sitzen. Sie hören das nicht über ihr Frontalhirn, Sie hören das über den Hypothalamus oder das instinktive Gehirn. Und so eine Situation kann zum Satori führen.

 

(Er dreht sich zum Übersetzer) Wie lange habe ich gesprochen?

(Übersetzer: Etwa fünfzig Minuten.)

Fünfzig!?

Na gut. Dann gehen wir lieber zum Austausch über. (Lachen)

 

Ob Sie schon praktiziert haben oder nicht hat keine Bedeutung.

 

[Foto Philippe Coupeys, innerhaltend während des Vortrags, Mai 2005]

 

Ich weiß, ich habe nicht die übliche Reihenfolge eingehalten um zu erklären, worum es sich bei Zazen und Zen handelt; so wie man es tut, wenn man etwas plant mit einem Anfang, einer Mitte und einem Ende. Aber ich denke, wir sind jetzt alle reif. Ob Sie schon praktiziert haben oder nicht hat keine Bedeutung. Wir haben alle praktiziert. Als Buddha erweckt worden war sagte er etwa folgendes „Jetzt, wo ich erweckt bin, ist die ganze Welt erweckt.“1 Auch das hat tiefe Konsequenzen. Man muss verstehen, dass es keine Trennung gibt. Deshalb denke ich, dass es keinen Unterschied macht, selbst wenn Sie noch nie etwas von Zen gehört haben: wir haben davon gehört (Lachen). Also haben Sie davon gehört.

 

Die Stimme des Tales

 

Falls jemand eine Frage hat, zögern Sie nicht...

(Zum Übersetzer gewandt:) Gibt es irgend etwas, von dem Du möchtest, dass ich darüber rede?

(Übersetzer: Na ja, über die Stimme des Tales...)

 

Das Buch war verbotene Lektüre in der Zen-Welt der Vereinigten Staaten. Es erschien 1979 bei einem bekannten Verleger in New York. Als einige der amerikanischen Zen-Gemeinschaften das Buch lasen, nahmen sie Kontakt mit dem Verleger auf und forderten: „Wir wollen, dass Sie dieses Deshimaru-Buch aus den Regalen nehmen.“ Man konnte es nur etwa einen Monat kaufen, bevor es zurückgenommen wurde. Ich nahm die meisten Bände wieder an mich. Deshalb sind die einzigen, die das Glück haben, einen Blick in das Buch zu werfen, Leute wie Sie.2

 

Der Grund, warum es die Amerikaner so aufgebracht hatte, liegt darin, dass die wichtigste Zen-Richtung in Amerika eine Mischung aus Rinzai und Soto ist, die von Yasutanis Schülern, wie Phillip Kapleau, in die Vereinigten Staaten gebracht wurde. Meister Deshimaru kritisierte das sehr streng. Sie können die beiden nicht mischen. Natürlich ist am Ende alles gleich; was ist nicht gleich? Wenn wir im Sarg sind, sind wir nicht länger katholisch, jüdisch oder evangelisch; wir sind nicht Rinzai oder Soto. Wir kehren zurück zum kosmischen Bewusstsein. Aber hier in der lebendigen Welt, da sind Rinzai und Soto sehr verschieden. Ich glaube, das Ziel ist das gleiche — beide sind Mahayana. Deshalb ist es erweckter Geist, freier Geist, Freiheit. Aber der Unterschied liegt darin, dass man im Rinzai auf den Zweifel setzt. Man versucht Koans zu lösen, diese unmöglichen Aussagen wie zum Beispiel „Was ist das Geräusch einer klatschenden Hand?“ Und man durchschreitet alle Qualen der Hölle bis man plötzlich daraus ausbricht. Und das ist eine Rinzai-Erweckung: man ist wiedergeboren. Soto ist dagegen ganz anders. Es gibt keine Wiedergeburt. Man ist schon erweckt. Wenn wir Zen praktizieren, so beginnen wir dort, wo der Buddha seine Erleuchtung hatte, unter dem Bodhi-Baum. Wir werden nicht wieder geboren: nicht zweimal geboren, sondern einmal geboren.

Deshalb war das Buch geächtet, verboten.

 

Gibt es Fragen?



Bogenschiessen?

 

F1: Wenn man über Praxis spricht, dann spricht man gewöhnlich über Zazen. Aber was ist mit einer Praxis, wie dem Bogenschiessen? Ist sie dem Zen nahe oder nur ähnlich?...

Ph.C.: Nein, sie ist nicht nahe — und dennoch ist sie es auch. Im Bogenschiessen, wie in den meisten Kampfkünsten, beginnen Sie mit einem Objekt. Subjekt-Objekt. Sie zielen auf eine Zielscheibe. Im Zen zielen sie auf kein Objekt, kein Ziel, keine Zielscheibe. Natürlich werden sowohl im Bogenschiessen, als auch im Zen das Subjekt und das Objekt letztendlich eins. Aber das Ergebnis ist verschieden. Im einen Fall werden Sie ein guter Bogenschütze und im anderen Fall werden Sie ein Bodhisattva; Sie werden erweckt und Sie tun das gleiche, was Buddha tat. Buddha gab das Bogenschiessen auf, nachdem er den Pfad zur Erleuchtung entdeckt hatte...

 

Vom Standpunkt des Zen gesehen lehrt Alles den Weg. Warum also beim Bogenschiessen aufhören? Die wichtigste Sache ist die Praxis der Meditation, nämlich Zazen. Beim Bogenschiessen meditieren Sie vielleicht in diesem einen Moment, aber es ist nicht Ihr ganzes Leben — Tag ein, Tag aus — davon betroffen. Sie brauchen sich nicht einmal auf japanische Praktiken zu beschränken: Sie können auch über westlichen Sport reden. Ich erinnere mich, den Tennisspieler Björn Borg gesehen zu haben und daran, dass ich dachte: „Dieser Mann ist ein Erleuchteter, wenn er den Ball schlägt.“ (Lachen) Die ganze Zeit, die er auf dem Platz verbringt, ist seine Atmung einwandfrei, seine Bewegungen einwandfrei und seine Konzentration ist zielgerichtet. Aber schauen Sie, was passiert, wenn er den Platz verlässt: er ist ein einfacher Mann, kein erweckter Mann. Demgegenüber ist die Erweckung des Zen immer und überall, ohne einen Rückschritt zu machen. Sie verlieren Ihre Erweckung nicht.

 



Dieser Zustand, erweckt zu sein

 

F2: Sie sagen, es gibt nichts zu erreichen, und dennoch gibt es diesen Zustand, erweckt zu sein, der immer da ist, der erreicht oder erlangt werden muss...

Ph.C.: Ja, aber es ist nicht Ihre Erweckung.

 

Buddhismus ist die einzige Religion, die das Konzept des Bodhisattvas hat — des erweckten Bodhisattvas. Er rudert das Boot über den Fluss mit Menschen an Bord; er bringt sie zur anderen Seite, lädt sie ab, rudert zurück und holt weiterer. Er bringt sie ins Nirvana, kommt zurück ins Samsara (Leiden) und bringt noch mehr. Er weiß nicht, dass er erweckt ist und er denkt sicherlich nicht darüber nach „Gutes zu tun“. Er denkt nicht daran, Menschen zu helfen. Er tut. Und das ist die größte Form des Mitgefühls. Aber er weiß es nicht. Es ist nicht sein Eigen. Es ist für alle.

 

Aber... man kann die Tatsache nicht leugnen, dass es zu Ihrem Vorteil ist (wenn das der richtige Ausdruck ist), Ihren Nächsten zu lieben. Das aber kommt nach der Tat. Also erreicht man vielleicht etwas. Man erreicht das Höchste. Aber das ist unvorstellbar. Es ist jenseits der Worte. Sie können es nicht ausdrücken. Im Augenblick, in dem Sie denken, Sie haben es erreicht, haben Sie es nicht erreicht und Sie können es nicht einmal mehr in Gedanken fassen. Es ist Ku, es bleibt im Unsichtbaren. Sie können nicht in Begriffen wie „erreichen“ denken. Sie können nicht „erreichen“. Auf der anderen Seite habe ich Zen seit vielen Jahren praktiziert und ich weiß nicht, ob ich noch am Leben wäre, hätte ich nicht praktiziert. Es brachte meinen Geist ins Gleichgewicht und es hat mir ein Verständnis von den Grundfesten des Lebens gebracht: Wer wir sind, woher wir kommen und wohin wir gehen.

 

Aber Ihre Frage könnte auf viele Weisen beantwortet werden. Im aller ersten Gespräch, dass ich je führte (ich führe nicht viele) sagte ich, Sie bekommen alles von der Praxis des Zen. Und das ist auch wahr. Es ist kein Wortspiel. Man muss wissen, wie man Wiedersprüche vereint. Das ist Weisheit.

 


 

Ob man praktiziert oder nicht

 

F3: Wenn es schon nichts zu erreichen gibt — unabhängig davon, ob man praktiziert oder nicht — gibt es dann etwas, das man lernen kann?

Ph.C.: Es ist sehr wichtig zu praktizieren. Es ist sehr wichtig, etwas aus seinem Leben zu machen. Denn, wenn ich Ihren Gedanken fortsetze, was bedeutet es, überhaupt etwas zu tun? Anstrengung ist unverzichtbar. Es ist sehr hart für die Leute, aufzustehen und jeden Morgen ins Dojo zu gehen. Aber wenn man das kann, dann hat man Glück. Und man erzeugt ein gutes Karma, nicht nur für einen selbst, sondern für alle Menschen. Aber das ist schwierig. Sie müssen sich selbst aufraffen. Ich glaube, man muss verstehen, dass Praxis einer der wesentlichen Wege — wenn nicht der einzige Weg — zu einer erweckten Gesellschaft ist.

 

Der Buddha praktizierte Zazen. Er nannte es nicht Zazen aber es war Zazen. Wir betrachten Statuen von ihm, wie er in Zazen-Haltung unter dem Bodhi-Baum sitzt. Er gründete eine Sangha um ihn, die Gruppe, die heilige Gemeinschaft mit der Idee, im Hier und Jetzt eine erweckte Gesellschaft zu schaffen mit Zazen, mit Meditation, als das was Sie tun können, was Sie realisieren können. Das ist die Mahayana-Lehre: Jeder kann erweckt werden und andere erwecken.

 

Aber das braucht Anstrengung. Man muss sein Leben ändern in kleinen Schritten, um das zu verwirklichen. Ich ging gewöhnlich um drei Uhr morgens ins Bett — trank vielleicht. Ich musste damit aufhören. Ich musste das aufgeben. Ich weiß nicht, wie ich das schaffte aber ich schaffte es. Nur indem ich jeden Morgen aufstand, ohne etwas bestimmtes im Geist. Sie stehen einfach auf, ohne zu denken. Warum stehen Sie auf, ohne zu denken? Irgendwo, entlang dieser Linie, habe Sie eine Art Gelübde abgelegt, dies zu tun, es zu tun oder zu sterben. Und das ist die Voraussetzung, eine erweckte Gesellschaft zu schaffen. Es wird zu dem Beispiel, das andere sehen können und dem sie folgen können.

 

Deshalb bleibt Mahayana gewöhnlicherweise außerhalb von Tempeln. Es bleibt in der Straße. Aber Sie können nicht alles tun. Sie müssen das tun. Oder dies. Eine Sache (er hält seinen Daumen hoch) Daumen: Einer. Der Daumen ist alles. Eine Sache, ein Punkt, der Wassertropfen der plop, plop den Felsen spaltet. Wenn Sie dann dem Tod nahe kommen, und Sie konnten auf diesem Weg gehen, so glaube ich, Sie werden denken: „Letztendlich habe ich meine Zeit nicht vergeudet, als ich in Zazen saß.“ Wahrlich. Aber dessen bedarf es Anstrengung und Entschlossenheit.

 

Ist die Bar geöffnet?

Na gut, dann gehen wir an die Bar und wenn Sie mit mir sprechen möchten, bin ich für Sie da.

Danke schön.


1 Nach Keizan sagte Buddha, als er erweckt worden war: „Ich und alle fühlenden Wesen auf der Erde zusammen erreichen die Erleuchtung gleichzeitig.“
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