Zen Road
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Genmai in Myanmar

von John Stevens, ein kanadischer Zen-Mönch in Burma
[Portrait von John Stevens]

 

Ich hatte mehrere Jahre Zen-Praxis hinter mir und fühlte mich imstande, irgendwo hin zu gehen und irgendetwas zu versuchen. Ich entschied: „irgendwo“ würde Myanmar (früher Burma genannt) sein, das zu jener Zeit ein abgelegenes, theravada-buddhistisches Land war, dass gerade erst seine Grenzen geöffnet hatte. Bezüglich des „was ich tun werde“, wenn ich dort bin, dachte ich mir, ich sollte erst ein wenig Zeit damit verbringen, das Land kennen zu lernen, bevor ich beginne über irgendwelchen Plänen zu brüten.

 

Als ich in Myanmar ankam, entdeckte ich schnell, dass es dort keine Spur vom Mahayana-Buddhismus gab, nur Theravada, und mein Zafu, das ich im Flugzeug mitgenommen hatte, schien einsam enden zu müssen. Meine erste Aufgabe bestand darin, die Geschichte von Myanmar zu erforschen und herauszufinden, warum es keinen Mahayana gab. Die Gebiete Indiens, in denen Buddha lebte, waren nicht weit entfernt von der burmesischen Grenze, es war also möglich, dass Shakyamuni Buddha und seine Schüler gelegentlich das Land betraten.

 

Die berühmteste Legende über Buddha, die von den meisten Burmesen geglaubt wird, handelt von zwei ortsansässigen Händlern, die zum burmesischen Mons-Stamm gehörten und nach Indien reisten, um Buddha zu finden. Nachdem sie ihn getroffen hatten, gab er ihnen acht seiner Haare vom Kopf, die sie mit Heim nahmen und in einen Schrein in der Shwedagon-Pagode in Rangoon brachten. Fakt oder Fiktion, sicher ist, das der Buddhismus Burma nicht einmal erreichte, sondern mehrmals, aus verschiedenen Ländern und Schulen, darunter Indien, Sri Lanka, Tibet und China.

 

Beide, Mahayana und Theravada gediehen in Burma mehrere Jahrhunderte lang, bis in der Mitte des 11. Jahrhunderts der König Anarwratha entschied, den Buddhismus zur offiziellen Staatsreligion zu machen – unter der Bedingung, dass es nur eine Schule geben solle. Weil Burma zu dieser Zeit vom Theravada dominiert wurde, und die engsten Berater des Königs ebenfalls Theravada-Mönche waren, siegte der Theravada-Buddhismus. Um zukünftige Schwierigkeiten zu vermeiden, wurde Mahayana als Ketzerei verurteilt und abgeschafft.

 

Heute, fast tausend Jahre später, hat sich nur wenig in Bezug auf den Mahayana geändert. Aber das Glück schien mir von Anfang an hold zu sein. Kurz nachdem ich ankam, schloss ich Freundschaft mit einem wirklich außergewöhnlichen jungen Mann, der von diesem Zeitpunkt an zu meinem Assistenten, Übersetzer und Freund wurde. Sein Name ist Maung Maung Gyi. In der burmesischen Sprache bedeutet Maung „Herr“ oder „Bruder“ und Gyi bedeutet „großartig.“ Übersetzt würde er also „Herr großartiger Bruder“ heißen, ein Name der, wie ich schnell herausfand, zu ihm passte wie die Faust aufs Auge. Ich begann ihn kurz Maung zu nennen. Um ein Gefühl für meine neue Umgebung zu bekommen, spielte ich die Rolle des spirituellen Touristen und Maung führte mich herum zu verschiedenen Klöstern, in denen ich Mönche und Äbte traf und mit ihnen sprach. Überall gab es einige Mönche, die ein passables Englisch sprachen, so dass die Kommunikation problemlos war und egal wohin ich ging, wir wurden überall willkommen geheißen.

 

Ich wurde viel über das Leben in einem Mahayana-Tempel ausgefragt. Was taten wir dort? Was studierten wir? Was sangen wir? Welche Art der Meditation praktizierten wir? Die Frage, die ich am liebsten beantwortete, war: „Was sind eure Ziele?“ In der Soto-Linie, die Deshimaru nach Europa brachte, ist mushotoku das Wesentliche. Das bedeutet „kein Objekt, kein Ziel.“ Wenn mich also jemand nach unseren Zielen fragte, antwortete ich ohne zu Zögern: „Wir haben keine.“ Meine Antwort wurde fast immer mit neugierigem Blick und gerunzelter Stirn erwidert, als wäre man nicht sicher, ob man mich richtig verstanden hätte. „Keine Ziele? … hmm … interessant. Worum geht es?“

 

[Bild fröhlicher, eifriger Schüler, einige davon in Mönchsgewändern]

Geht man in irgendeiner Stadt Myanmars spazieren, hört man überall Gesänge. Meistens kommen sie aus dem Lautsprecher einer Pagode, manchmal aber auch aus einer Schule oder einem Wohnhaus. Theravada-Mönche lernen alle Sutren und Gebote auswendig und singen sie täglich in Pali. Myanmar ist zu 89% buddhistisch und die religiöse Ausbildung beginnt früh.

 

Es gibt keinen Wehrdienst für junge Männer, aber alle buddhistischen Kinder müssen irgendwann ihre Köpfe rasieren und für sechs Wochen bis Monate in einem Kloster leben. Sie werden Novize oder Novizin und führen ein klösterliches Leben, während sie die Sutren Buddhas lernen. Zweimal im Monat, während des Voll- und des Neumondes, gehen die Mönche, Nonnen, Novizen und Novizinnen in die Haupthalle um die Sutren und Gebote gemeinsam zu singen. Theravada-Buddhisten widmen sich dem Studieren und der Weitergabe des Pali Kanons (Tripitaka) um sich der Lehren des Buddhas buchstabengetreu zu erinnern und ihnen zu folgen. Seit Buddha hartnäckig dafür sorgte, dass niemand die behütete Sangha während der Regenzeit verlassen musste, sind während dieser Zeit des Jahres in Myanmar Tausende von Mönchen und Novizen zusammen in den größeren Klöstern und singen gemeinsam. Auf einem meiner späteren Besuche machte ich eine Aufnahme ihrer Vollmondgesänge, die ich später auf CD kopierte und in der Pariser Zen Boutique verkaufte; aber niemand aus unserer Sangha schien daran interessiert zu sein. Ich erhielt dieselbe Reaktion, als ich versuchte das Hannya Shingyo dort einzuführen: als ich den Burmesen eine Aufnahme vorspielte, erntete ich höfliche Gleichgültigkeit.

 


 

Während meiner ersten Jahre in Myanmar habe ich mich so an die Besuche in Theravada-Klöstern gewöhnt, dass es nicht lange dauerte, bis ich mich richtig zu Hause fühlte. In Zen Tempeln wie der Gendronnière im Loiretal Frankreichs, sorgen die Nonnen, Mönche, Bodhisattvas und Anfänger alleine für das tägliche Funktionieren des Tempels. Man nennt das samu, es ist wichtiger Bestandteil der Praxis. In Myanmar verrichten die Mönche und Nonnen auch körperliche Arbeit und gewisse Aufgaben, aber ein großer Teil der Verantwortung wird Laien übertragen, die ihre Zeit und Dienste dem Dharma widmen und als Gegenleistung alle wichtigen „Verdienste“ für ihre Bemühungen erhalten.

 

Das Herbeischaffen von Nahrung und die Zubereitung der Mahlzeiten zum Beispiel, gehört in den Theravada-Klöstern zu den Verantwortlichkeiten der Laien. Und so, um die Laien keinem kritischen Druck auszusetzen, wählen die Mönche und Nonnen nicht, was sie essen werden, sondern nehmen, was immer die Laien heranschaffen konnten - fast immer eine Mischung aus Reis und Gemüse mit Schwein oder Huhn. Es gibt ein Kloster im Süden des Landes und ein paar andere, die strikt vegetarisch leben, aber überall sonst wird man mit dem gefüttert, was an jenem Tag zusammengetragen wurde.

 

[Foto der fernen goldenen Pagoden von Bagan, aufgenommen in einem Kornfeld]

Während meiner Klosterbesuche wurde das Thema Essen oft diskutiert und oft wurde ich nach der Nahrung in unserem Tempel gefragt. So kam mir im nächsten Jahr, als ich wieder nach Myanmar reiste, die Idee eine reisende Kochshow zusammenzustellen, in der es um die Genmai gehen sollte, ein jahrhundertealtes zen-buddhistisches Frühstück, das nach der dem Zazen folgenden Morgenzeremonie serviert wird. Myanmar ist ein gastfreundliches Land, aber sie haben dort die Tendenz vorsichtig zu sein und irgendwie skeptisch gegenüber den Zielen von Fremden - besonders wenn die Besucher sich an ortsansässige Gruppen oder Versammlungen wenden. Aber was könnte harmloser sein, als irgendein Bursche, der von vegetarischer Suppe erzählt?

 

Ich konnte mir denken, dass einfach nur dort stehen, Genmai kochen und darüber reden nicht sonderlich fesselnd sein würde. Um die Sache ein wenig aufzupeppen, engagierte ich eine Tanzgruppe des Shan-Stammes und ein Orchester, die von Zeit zu Zeit während der Show auf die Bühne kamen und das Publikum unterhielten, während die Genmai kochte. Das funktionierte gut. Die erste Show war in Bagan, die Stadt der 2000 Tempel, die so genannt wird, weil sie mehr als 2000 Tempel hat.

 

[Foto einer traditionellen Tänzerin in buntem Kostüm, dahinter der Autor am Herd]

Es schien ein angemessener Platz zum Starten zu sein, da hier, Jahrhunderte zuvor, König Anawratha dem Mahayana-Buddhismus erstmalig den königlichen Fußtritt gab. Gegen Ende der Show, als die Genmai beinahe fertig war, hielt ich einen Vortrag über Zen und mit Maungs Hilfe gab ich eine kleine Demonstration von Zazen, Gassho, Sampai und dem Kyosaku. Anschließend wurde das Publikum eingeladen, auf die Bühne zu kommen und etwas Genmai zu probieren.

 

Diese Show machte nicht nur Spaß, es stellte sich heraus, dass sie ein idealer Eisbrecher war, der den Ortsansässigen erlaubte zu sehen, was es war und worum es ging. Jeder der dort war, schien die Show zu genießen und bekam ein nahrhaftes buddhistisches Tempelfrühstück zu schmecken, das dank dem Vollkornreis, Gomasio und Tamarisauce, die ich mitgebracht hatte, ein neuer Genuss für sie war. Nach der Verköstigung beantwortete ich Fragen zur Genmai, der Haltung und natürlich „dem Stock“ (dem Kyosaku). Die anwesenden Regierungsbeamten Myanmars zeigten ein lebhaftes Interesse an der Kochshow und freuten sich, wenn sie einige Kopien des Rezeptes mit nach Hause nehmen konnten.

 


 

Jeder, der plant, nach Myanmar oder irgendwo nach Südostasien zu reisen, sollte im Gedächtnis behalten, dass in Diskussionen über die verschiedenen Schulen des Buddhismus die Wörter „Theravada“ und „Hinayana“ nicht dasselbe bedeuten. Es ist überraschend wie viele Leute das glauben, aber das ist ein Fehler. Theravada-Buddhismus existiert seit ca. 2000 v.Chr., mehr als 500 Jahre bevor das Wort „Hinayana“ überhaupt erfunden wurde. Während des 2. Jahrhunderts in Indien, als dort die Spaltung, die den Mahayana („Großes Fahrzeug“) von den achtzehn buddhistischen Hinayana („Kleines Fahrzeug“) -Sekten trennte, stattfand, war der Theravada-Buddhismus längst in den Süden nach Sri Lanka gewandert und hatte auch in Burma Fuß gefasst.

 

Ich betone das, weil Theravada-Buddhisten den Ausdruck „Hinayana“ als abwertend verstehen, denn er kann wörtlich mit „unterlegen“ übersetzt werden. Nicht-Dualität ist das Wesentliche im Mahayana-Buddhismus; und auch wenn Arroganz nicht zu den drei Verblendungen gezählt wird (Ignoranz, Gier und Hass), ist sie unbestreitbar die Geliebte einer jeden der drei. Aus diesem Grunde empfanden es viele als scheinheilig, dass gewisse Mitglieder des zweiten Buddhistischen Konzils erklärten, ihre Schule wäre die „größere“, während die andere die „geringere“ sei.

 

Später wurde dieses Thema erneut von einem anderen Konzil behandelt. 1950, auf ihrem ersten Treffen in Columbo, entschied der World Fellowship of Buddhists einstimmig den Ausdruck „Hinayana“ zu vermeiden, wenn es um den Buddhismus Sri Lankas, Burmas, Thailands, Cambodias und Laos’ und anderer theravada-buddhistischer Länder geht. Da längst alle 18 ursprünglichen hinayana-buddhistischen Sekten ausgestorben sind, taucht das Wort „Hinayana“ wirklich nur noch als Konzept auf und nicht in einer realen Schule des Buddhismus.

 

[Leute um einen Brunnen gruppiert]

Dank der finanziellen Mittel, die in den letzten Jahren durch den Verkauf von Waren und Handwerk aus Myanmar in der Pariser Zen Boutique, auf der Gendronnière und anderswo im Loiretal geflossen sind, haben einige der ländlichen Gegenden Myanmars Spenden (Fuse) in Form von Brunnen, Wasserpumpen, Stromgeneratoren, Schulbedarf und einer neuen Schule erhalten.

[Foto vom Autor, wie er eine kleine Gruppe auf einer Dachterasse in Zazen leitet]

Die letzten Jahre haben sogar eine Zengruppe hervorgebracht, die jeden Morgen auf einer Dachterasse praktiziert. Die Gruppe wurde von Maung, drei anderen Rickscha-fahrenden Collegeabsolventen und mir selbst gegründet. Im nahe dem Dojo gelegenen Teeladen wurden wir als „der Mahayana-Mönch und seine Viererbande“ bekannt. Die Zazen sind wie zu Hause, genauso lang, mit kinhin. Die Kusen handeln hauptsächlich von der Haltung und die Zeremonien bestehen aus dem Singen des Kesa Sutra und/oder den vier Bodhisattvagelübden, gefolgt von Sampai. Die „Gang“ (Bande) sind Naturtalente im Nicht-Bewegen während des Zazen und während Samu konzentrieren sie sich nur auf das, was sie tun, ohne unnötiges Reden.

 

Seit dem Beginn gab es einiges Kommen und Gehen in der Gruppe, aber im Großen und Ganzen ist sie dieselbe geblieben. Momentan gibt es keine weltbewegenden Zukunftspläne, außer nach Myanmar zurück zu kehren und mit den Schulen, den Brunnen und Zazen weiter zu machen. Ich schätze mich selbst sehr glücklich, dass ich jedes Jahr zurückkommen kann. Myanmar ist ein Land, das großen spirituellen Reichtum besitzt, der über 135 Stämmen verteilt ist, die unerschütterlich in ihrem Glauben und in ihrer buddhistischen Praxis sind.

 


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