| | Drucken | |
Zazen und die Auseinandersetzung mit der Überlieferung
Vortrag von Kojun Kishigami Osho im Dojo von Rouen, im November 2006Was ist Hishiryo
![]() Es ist wichtig, diese Haltung aufrechtzuerhalten. Im Sandokai gibt es einen bekannten Satz: „Bewahrt diese Stellung, bleibt in dieser Haltung“. Auch wenn es außen verschiedene Klänge oder Gerüche gibt, also gewisse Einflüsse auf den Körper, trachtet man danach, sie vorübergehen zu lassen, nicht darauf einzugehen. Man versucht, sich von den Klängen, den Gerüchen, nicht an der Nase herumführen zu lassen, indem man sich sagt: „Das mag ich“, „Das mag ich nicht“. Man misst dem keinerlei Bedeutung zu, was man hört, von außen verspürt, auch nicht dem Nachbarn, der dies oder das macht; man sitzt einfach nur. Denken Sie auch nicht an das, was Sie gestern getan haben, oder an das, was Sie morgen, oder gleich nach dem Zazen machen werden. Die Gedanken, das ist wohlbekannt, ziehen von links nach rechts, fliegen da hin und dort hin: kümmern Sie sich nicht um sie. Kümmern Sie sich einfach nur um das, was hier und jetzt geschieht. Man kann gewiss 20 Jahre und länger Zazen üben, egal, aber manche Menschen üben lange und trotz allem verstehen sie nicht, dass das die Grundlage ist. Wenn man mit sich allein ist, und nicht Zazen übt, wird man gleich vereinnahmt von den Ereignissen und Gefühlen, die diese hervorrufen können; aber die Menschen, die geübt haben, lernen es, die Ereignissen mit einem gewissen Abstand zu betrachten. Und erst wenn Sie sich dessen bewusst werden – dass Sie diesen Abstand wahren können – oder wenn das in Ihnen Gestalt annimmt, werden Sie frei sein.
Jetzt werde ich ziemlich verallgemeinern, aber in der europäischen Kultur gibt es eine starke Tendenz, sich der Umwelt zu bemächtigen. Während im Orient der Einzelne eher dazu neigt, sich in seine Umwelt einzufügen. Das sind also recht unterschiedliche Verhaltensweisen. Im Buddhismus, und sicherlich im Zen, trachtet man danach, das Herz zu verändern, das Herz zu lösen, man ist duldsamer.
Stellen Sie sich ein Schiff vor, das nicht sehr tief ist – eine etwas kräftigere Welle genügt, damit es kentert. Wenn dagegen der Boden tief genug reicht, auch wenn es kippt, wird dieses Schiff bald zu seiner ursprünglichen Stabilität zurückkehren. Die Menschen, die Zazen üben, selbst wenn sie mitten in einen Sturm geraten, werden sie rasch ihren Schwerpunkt wieder finden. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, dass Sie etwas vorhaben, an diesem Tag, es fällt aber ins Wasser, einfach weil es sehr stark regnet. An so einem Tag sagen Sie sich dann: „Na dann kann ich ja da bleiben, ich werde lesen.“ Und dann, wenn es schön wird, gehen Sie raus und machen ein Picknick.
Im Leben des Menschen trifft man auch die vier Jahreszeiten an, die in Zeitabschnitte gegliedert ist: während der Jugend ist man aktiv, man arbeitet; wenn man alt ist, ruht man sich mehr aus. Sicherlich strebt jeder Mensch danach, seine Jugend zu verlängern und aktiv und wach bis an sein Lebensende zu bleiben. Jede Jahreszeit hat ihren Charakter und bietet je eigene Gelegenheiten; das Frühjahr hat seine Wesenszüge, nutzen sie sie; im Winter wird es anders sein, nutzen sie es, nutzen sie jeden Augenblick.
Stellen sie sich vor, sie wären krank: denken Sie nicht, dass es absolut nötig ist, wieder vollkommen zu genesen. Nehmen Sie die Krankheit an. Sie wird verschwinden, wenn man sich normal behandeln lässt. Heilung erfolgt nicht aus eigener Kraft. Es ist das Leben selbst, die Lebenskraft, die Energie, die Sie in Ihrem Leben benützen, die Sie wieder gesund werden lässt, die Sie heilen wird. Dass man sich sagen kann, „ich bin krank gewesen, aber ich habe weiter leben können“, ist an sich eine Unterweisung. Den Ereignissen gegenüber soll man nicht immer eine Stellung beziehen – sagen: „das ist gut“, „das ist schlecht“. Zum Beispiel, diese Tasse hier vor mir, ich kann sie von hier aus, oder von da aus betrachten: jedes Mal werde ich sie anders sehen. Und wenn Sie mit jemandem diskutieren, bringen Sie nicht immer Ihren Gesichtspunkt vor, sehen Sie auch den Gesichtspunkt des Anderen. Und so kann dann ein Dritter die beiden Gesichtspunkte, von A und B, sehen, beobachten.
![]() Stellen Sie sich vor, dass Sie sich mit jemandem ernsthaft erzürnt haben, auf dem Kriegsfuß stehen. Sie sagen, „Also der, den will ich umbringen, der ist mein großer Feind.“ Doch stellen Sie sich vor, dass Sie sich in derselben Situation sagen: „Was geschieht, wenn ich morgen sterbe?“ Vielleicht wird morgen der Andere, Ihr Gegner, bei einem Autounfall sterben. Machen Sie also weiter Zazen in diesem Geist, ohne sich zu sagen, „Ich will dies, ich will das“, und sagen Sie sich, dass Sie Zazen fast so üben, als wären Sie tot. Das hat Kodo Sawaki oft wiederholt: stellen Sie sich vor, dass Sie in Ihren Sarg steigen und das Leben anschauen. Zazen machen bedeutet ein wenig, in seinen Sarg steigen. Denken Sie also immer daran, wenn Sie Zazen machen.
Ohne Ihre eigenen Gedanken zu betonen, seien Sie sich klar, dass Sie im Augenblick leben. Versuchen Sie, in diesem Moment nicht Ihre Gedanken des Vortags, oder Ähnliches, aufzurufen. Wenn Sie an einem Tag sehr traurig sind, versuchen Sie nicht, diese Stimmung zu verscheuchen, versuchen Sie, diese große Traurigkeit zu sein. Tragen Sie sie nicht im Kopf, lassen Sie sie bis unter den Nabel gleiten, und tragen Sie sie hier [er berührt sein Hara]. Wenn Sie sie auf Kopfhöhe lassen, wird es explodieren.
Als ich in Antai-ji war [dem Tempel, in dem Kodo Sawaki seine letzten Lebensjahre verbrachte], sagte man mir: „Du solltest Dich vertieft mit der orientalischen Philosophie beschäftigen“. So habe ich Vorlesungen an der Universität Kyoto besucht, ich lernte die Philosophie von Descartes kennen, die Vorstellung, dass wir nur Emanationen des Denkens sind, dass „ich denke, also bin ich“. Ich war sehr enttäuscht. Was bleibt am Ende? Es bleibt das Denken, die reine Vernunft, der vernünftige Teil des Menschen. Ich bin mit Descartes nicht einverstanden. Damit es stimmt, müsste man sagen: „Ich bin hier gegenwärtig am Leben, und deshalb denke ich.“
Seit Sokrates, und wegen Descartes denken die Menschen im Westen nur mit dem Verstandes-Geist, also mit dem Kopf. Während man im Orient mit dem ganzen Körper denkt. Deshalb sehen wir den Körper im Zusammenhang des Universums auf andere Weise. Das Selbst, das vom Kopf aufrechterhalten wird, ist nicht das wirkliche Selbst, denn das wahre Selbst ist das, welches vom Körper empfunden wird. Gewiss ist im Orient das Gehirn auch wichtig, aber wir sehen es so, wie man die Notwendigkeit einer Hand sieht, um die notwendigen Dinge zu berühren, wie man die Augen braucht, um die Dinge sehen zu können. Das Gehirn wird als Sinnesorgan wie die anderen Sinne aufgefasst. Man muss letztlich darauf achten, dass das Gehirn nicht irrlichtert: deshalb ist Zazen notwendig.
Der Kopf kann wirklich sehr sehr weit gehen. Versuchen Sie, ihn zu kontrollieren und einfach nur zu sitzen. Wenn Sie in Zazen sitzen, ist das wie ein Baumstamm, der in die Erde eindringt, der seine Wurzeln in der Erde hat: die Wurzeln, das ist die Haltung der Beine in Zazen, im Lotus-Sitz oder auch anders. Und mit der Dehnung der Wirbelsäule wächst also der Baum.
![]() Was geschieht im Kopf? Es gibt Vögel, die versuchen, ihr Netz zu machen in den Zweigen, und sie kratzen ein wenig rum; mit ihren Schnäbeln picken sie gegen die Äste, und was weiß ich sonst noch…Das ist der Geist, der arbeitet. Lassen Sie ihn machen, aber kümmern Sie sich nicht darum. Das ist ein wesentlicher Punkt. Wenn Sie also beim Zazen in Ihren Gedanken sind, so sind das Vögel, die versuchen, ihr Nest in den Ästen zu machen. Das ist der Unterschied zwischen Zazen und Meditation. In der Meditation beobachtet man die Vögel beim Nestbau. Ich will damit eindeutig sagen, dass Zazen nicht Meditation ist. Deshimaru hat Ihnen das auch gesagt, nehme ich an. Man muss versuchen, seinen Geist zur Ruhe zu bringen. Zum Beispiel, nach drei Tagen Zazen, werden die Vögel weiter ihr Nest im Baum bauen, aber Sie nehmen das nicht mehr wichtig; das ist es was geschieht, die Stille ist gegenwärtig, die in Ihnen ist nach ein paar Tagen Zazen während eines Sesshins. Es geht darum, Vertrauen zu entwickeln in seinen ganzen Körper und in seinen Instinkt. Der Instinkt ist am Werk. Es ist das autonome Nervensystem, das beim Zazen seine Wirkung entfaltet. Das Blut also fließt im ganzen Körper und die Atmung wird auf natürliche Weise tief… Wenn der Körper so ist, wie ich es gerade beschrieben habe, ruhig und konzentriert, dann wird der Geist auch ruhig. In dem Moment sieht man keinen Unterschied mehr zwischen dem Körper, der Zazen macht und dem Universum. Das ist schwer auszudrücken. Das kommt eigentlich nur instinktiv zum Ausdruck. Was geschieht während Zazen? Der ganze Körper nimmt Zazen an oder anerkennt Zazen.
Alles also, was philosophisch ist, die vier edlen Wahrheiten, usw., ist eine Erläuterung von Zazen, und folgt der Ausübung von Zazen. Die Lehre hat sich in Indien entwickelt aber warum drohte sie zu erlöschen? Weil die verstandesmäßige Seite zu sehr entwickelt war. Und der Grund, weshalb das Zen weiter bestehen konnte ist, dass die chinesischen Mönche, die es ausgeübt haben, es mit dem ganzen Körper getan haben, indem sie ihren Körper in der Natur benutzt haben.
Ich habe nun versucht, Ihnen das Hishiryo-Zazen zu erklären. Um es zusammenzufassen: da war zuerst Zazen, und die Theorie zum Zazen kommt nach der Ausübung. Zum Beispiel ist Shobogenzo von Dogen Zenji eine Erläuterung von Zazen. Man darf nicht umgekehrt verfahren: fangt nicht damit an, das Shobogenzo zu lesen. Die Gelehrten, die Akademiker beginnen mit der Lektüre des Shobogenzo. Sie übersetzen es, schreiben Doktorarbeiten darüber…. Wenn man so vorgeht, kann es sehr gefährlich werden. Es ist vor allem der Übende, der verstehen kann, dass Fehler entstanden sind.
Andererseits besteht für die, die nur Zazen üben, ohne Leitung, die Gefahr, in psychologisch gefährliche Situationen zu geraten; etwa den Eindruck zu haben, dass der Körper sich ungeheuer ausbreitet, oder das ganze Universum kontrolliert, solche Dinge… oder Gefühle der Extase zu empfinden, oder ganz eigenartige Bilder zu sehen. Wenn Kodo Sawaki oder Dogen Zenji mit so jemandem zu tun gehabt hätten, dann würden sie dem Betreffenden gesagt haben, er solle zu einem Psychiater gehen. Zazen allein kann gefährlich sein, versuchen Sie also, es mit Erkenntnissen zu verbinden.
Ich gebe Ihnen ein Bild: jemand hat zum Beispiel gelernt, schwimmen zu lernen, findet das ganz toll, schwimmt immer weiter, aber schwimmen beeindruckt ihn so, dass er ins Meer taucht, und das kann gefährlich werden. Es ist besser, nicht ins Meer zu gehen, sondern unter der Leitung eines Meisters zu lernen, und ein bisschen am Rand zu bleiben. Und wenn man weit ins Meer hinaus will, ist es empfehlenswert, zuerst ein bisschen die Gegend zu erkunden, das Gelände und den Meeresgrund, bevor man hineinspringt. Das ist ein Bild, um Ihnen zu sagen, dass die Beschäftigung mit den Erkenntnissen der Gelehrten, namentlich die Auseinandersetzung mit buddhistischen Texten, auch ihren Platz hat.
Einerseits gibt es also die Intuition, die Praxis, und dann das Wissen. Ich kann heute feststellen, dass Meister Deshimaru sehr, sehr gut in der Praxis des Sitzens unterwiesen hat, doch um Ihre Basis zu festigen und Ihre Wurzeln zu entwickeln, kann ich Sie nur ermutigen, Ihre Praxis fortzusetzen. Man kann sagen, dass in Japan das Wissen über den Buddhismus einen sehr hohen Stand erreicht hat, aber leider ist keine Praxis dabei. Um im rechten Weg zu bleiben und nicht in die Irre zu gehen, haben Sie diese beiden Pole vor Augen: setzen Sie die Praxis fort, und erweitern Sie dabei immer Ihr Wissen. Beides ergänzt sich sehr gut. Das ist ein Punkt der auch von Sawaki Kodo sehr hervorgehoben wurde.
![]() In meiner Jugend habe ich Zazen geübt, ich habe viele Unterweisungen vom Meister erhalten, und ich habe mich mit westlicher Philosophie auseinandergesetzt, ich war also ziemlich beschäftigt. Vor allem später dann, nach dem Tod meines Meisters, habe ich mich vertieft mit dem Buddhismus beschäftigt. Damals geschah es auch, dass ich eine Rückmeldung der Natur erhielt, die mir sagte: „Du bist auf dem richtigen Weg, dein Zazen ist in Ordnung. Was du tust ist gut so.“
Das alles um Ihnen zu sagen, dass Üben gut ist, dass es aber ziemlich subjektiv bleiben kann, damit es also objektiv wird und Sie prüfen können, dass Sie im rechten Weg sind, suchen Sie Meister auf und erweitern Sie Ihre Kenntnisse. Sie können ihre Unterweisung vom Zazen selbst erhalten, vom Lesen oder, wie in meinem Fall, von der Natur. Ich bin am Berührungspunkt dieser drei, und ich habe verstehen können, dass ich mich da nicht irre.
|




![Ein Mönch in Zazen [Ein Mönch in schwarzem Gewand sitzt auf dem Boden in der Zazen-Haltung: der Blick ist gesenkt, das Kinn eingezogen; die Finger der linken Hand liegen auf den Fingern der rechten Hand, die Daumen berühren sich sachte; die Knie ruhen sicher auf dem Boden; die Wirbelsäule ist aufgerichtet]](/img/Kishigami_Study_zazen_posture.jpg)
![„Sagen Sie sich, dass Sie Zazen fast so üben, als wären Sie tot.“ [Ein Grab, von Moos bedeckt, der Grabstein ist zerbrochen]](/img/Kishigami_Study_tomb.jpg)
![Die Gedanken während Zazen: Vögel in den Zweigen [Äste, dunkel und kahl, eine große schwarze Krähe in der Mitte, von unten photographiert]](/img/Kishigami_Study_branches_bird.jpg)
![Kishigami auf einem Weg bei Jinko-an [Kishigami, in einer Samui-Jacke und blauer Hose, ein weißes Handtuch auf dem Kopf, unterwegs auf dem von Bambus gesäumten Pfad zu seiner Einsiedelei]](/img/Kishigami_Jinkoan_5.jpg)