Zen Road
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In das Gewand Buddhas gehüllt

 

Vortrag über das Kesa, gehalten im Dojo von Rouen im November 2006 von Meister Kojun Kishigami.


Die beiden Meister, sowohl Meister Sawaki wie Deshimaru sprachen dauernd vom „Kesa“. Es ist unbedingt unerlässlich für jeden praktizierenden Buddhisten. Nach meiner Erfahrung kann das Fehlen des Kesas oder seiner Unterweisung die Praxis gefährden.

 

Das Kesa, wie Sie wissen, ist das Gewand, das von den Schülern von Gautama Buddha getragen wird. Man kann es als Uniform ansehen. Aber es ist vor allem die Bekleidung, die der Buddha selbst getragen hat. Im Theravada ist es ein unverzichtbares Kleidungsstück und hat insofern einen praktischen Nutzen. Erst bei der Einführung des Buddhismus in China ist die symbolische Bedeutung des Kesas in seiner ganzen Tragweite zum Ausdruck gelangt. Sie verstehen demnach, warum Dogen ein Kapitel des Shobogenzo mit Kesa Kudoku [Verdienst des Kesas] betitelt hat. Darin geht es sowohl um die praktischen wie die spirituellen Aspekte dieses Gewands.

 

Zunächst einmal zum Ursprung des Kesas, weshalb wurde es entworfen:
[Luftaufnahme von Reisfeldern: Reihen von unterschiedlichen Rechtecken in Gold-, Grün und Brauntönen]

Nach dem Satori des Buddhas trugen seine Schüler das Kesa ein wenig wie man eine Decke tragen würde. Als dann einer der großen Könige Indiens erfuhr, dass sich Schüler des Buddhas in seiner Gegend aufhielten, beschloss er, ihnen entgegen zu gehen und ihnen seine Ehrerbietung zu erweisen. Doch waren die Angetroffenen nicht Schüler Buddhas. So bat der König den Buddha, dass seine wahren Schüler fortan erkennbar sein möchten, dass sie ein einheitliches Gewand tragen sollten, woran man sie unterscheiden könne. Da gab Buddha seinem nahen Schüler Ananda den Auftrag, beim Entwurf dieser Einheitskleidung sich von Reisfeldern inspirieren zu lassen, oder vielmehr von den umliegenden Bewässerungsgräben. Sie können sich Reisfelder, schöne Wassergräben vorstellen, das klare Wasser, das durch die umliegenden Reisfelder fließt… .

 

Ananda hat also das Schnittmuster des Kesas entworfen. Am Rand sehen Sie die Bewässerungskanäle. Die Stücke sind immer rechteckig. Manche Kesa haben fünf Streifen, andere sieben, andere neun, und auch wenn jedes Kesa in Bezug auf Gestalt und Verwendung seine Besonderheit hat, ist der Grundgedanke derselbe.

 

[Kishigami trägt ein braunes Rakusu um den Hals: ein rechteckiges Stoffteil, aus kleineren, mit kleinen Stichen zusammengenähten Stoffstücken, die Reisfelder versinnbildlichen]

Das hier ist ein Kesa [er zieht sein Rakusu hervor]. Oder eher ein „Mini-Kesa“. Es ist zehn Mal kleiner als mein Kesa. Wie Sie bemerken können, ist der mittlere Teil erhöht, so kann das Wasser von der Mitte nach rechts und nach links fließen, wie das Wasser in den Bergen, wenn es die Reisfelder bewässert. Außerdem betragen bei diesem Kesa die Maße des Mittelteils zweimal die Maße des oberen Teils, was auf die Reifung des Buddhageists hinweist, die der Übende erfährt. Da dieses Gewand von den Schülern getragen wird, ist es von der buddhistischen Unterweisung und Weltsicht durchdrungen.

 

Die Schüler hatten zum Leben mit drei Dingen auszukommen: einem Dach, einer Schale und einem Kleidungsstück. Was das Dach betrifft gestattete es das warme Klima Indiens, unter einem Baum Schutz zu suchen. Zur Ernährung mussten sich die Schüler mit den Gaben begnügen, die sie auf ihren Bettelgängen [Takuhatsu] erhielten, Es kam nicht in Frage zu sagen: „dies oder das mag ich nicht“, auch wenn sich der Magen zusammenzog… . Der Mönch sollte sich mit dem unbedingt Notwendigen begnügen und dankbar erweisen. Darin besteht die Weisheit.

 

Im zu weiten Sari hätten sich die Mönche beim Gehen verheddert; doch musste man doch den Nabel irgendwie bedecken. Und da das Rakusu dem nicht genügte, ist das Sieben-Streifen-Kesa erfunden worden. Später, als es nach China und Japan gelangt war, wurde das Kesa weiter entwickelt. Weil die Menschen darunter Kleidung anzogen, reichte ihnen ein kürzeres Kesa. Deshalb ist das Rakusu einfach das Symbol des Schülers Buddhas.

 

[Braunes Stoffteil mit Linien aus kleinen Stichen – das Kesa genannte buddhistische Kleidungsstück –getragen von einem meditierenden Mönch]

Was die Bedeutung des Kesas angeht, so ist dieses Gewand das Sinnbild des Erwachens [gedatsu] der Person. Im „Dai sai gedap-puku“ [Kesa-Sutra] (1) ist vom Kesa des Übenden die Rede. Für den, der es anziehen wird, sollte das Rakusu genügen; doch da das Kesa das ganze Universum umfasst, hat es noch eine Bedeutung. Obwohl das Kesa eine Gestalt hat, betrachtet es der, der es anzieht, also ohne Gestalt, muso. Es ist nämlich nicht nur Symbol des ganzen Universums, sondern auch der Unterweisung, des vom Buddha erhaltenen Nyorai-kyo. Dann führe ich alle Menschen von der Welt der Illusion zur Welt des Satori. Das Kesa tragen bedeutet, sich in das Gewand Buddhas hüllen. Die Worte von [Sawaki] Roshi sind mir gegenwärtig: „Der Kopf kahl geschoren, das Kesa, Zazen: das genügt! Das und bloß das soll uns genügen“.

 

Es gibt Kesas mit fünf, neun, elf, dreizehn, fünfzehn, siebzehn Streifen… bis zu fünfundzwanzig Streifen. Je weiter man in der Praxis eben fortschreitet, desto zahlreicher werden die langen Streifen. Je mehr der Buddha in mir an Umfang gewinnt, desto mehr wird die Zahl der langen Streifen zunehmen.

 

In Indien trugen die Schüler Buddhas Kesa mit fünf, sieben und neun Streifen. Sie erhielten drei Kesa, und das war ihre ganze Bekleidung. Heute erhält der Mönch nur drei Kesas, und im Winter kann man sie,bei Bedarf, übereinander tragen.

 

[Ein großes Stück Stoff, fast so groß wie die Person, die es hält. Es besteht aus einem breiten schwarz/braunen Rahmen und einem blau/grauen Rechteck in der Mitte]

Eine Anmerkung noch zum Zagu: In Indien wird es benutzt, um sich niederzuwerfen. Man kann es auch benützen, zum Beispiel, um sich unter einen Baum zu setzen, oder auch als Decke.

 

In Indien ist das Fünf-Streifen-Kesa für die betreffende Person, wenn sie allein ist, Samu [gemeinsame Arbeiten] macht oder auf Reisen ist. In Japan benutzen wir das Rakusu beim Reisen und beim Samu.

 

Das Sieben-Streifen-Kesa benutzt man im Alltag, das heißt um Zazen zu üben und Sutras zu rezitieren. Bei einem Teisho haben Vortragender und Zuhörer das Sieben-Streifen-Kesa an. Das ist die angesagte Bekleidung bei derartigen Veranstaltungen.

 

Das Kesa mit neun Streifen und mehr ist für Zeremonien vorbehalten. Bei einer Ordination trägt der ordinierende Mönch das Neun-Streifen-Kesa, denn er wird als Vertreter Buddhas betrachtet, ganz wie der Godo die Schüler als Schüler von Gautama Buddha ansieht, und nicht als seine eigenen Schüler: das möchte ich betonen! Ebenso bei den Bettelgängen, beim Takuhatsu. Ab neun Streifen und mehr [das Dai-e] geht man davon aus, dass wir Gaben in unserer Eigenschaft als Schüler des Buddhas empfangen. Die dank der Arbeit der Spender empfangenen Gaben dienen der Förderung der Ausübung des Wegs. Die Lebensmittel erhalten wir für die Unterweisung und dank ihr. In diesem Sinn ist es nicht eigentlich die Person, die die Gaben erhält, sondern das Kesa selbst.

 

Neulich, als ich auf der Gendronnière war, hat mir eine Übende ihr Kesa gezeigt, als wir nach dem Morgen-Zazen das Dojo verließen. Es schien mir anders zu sein, auch wenn Faden und Stoff stimmten. Bei einem anderen Morgen-Zazen trug ein Übender ein Neun-Streifen-Kesa. Auch mal im Dojo von Paris. Das ist mir nicht entgangen… . Das ist ein bisschen wie wenn zwei Samurai mit geschärftem Blick einander beobachten. Ich dachte mir. „Sollte Deshimaru die Unterscheidung zwischen Sieben-Streifen und Neun-Streifen-Kesa übergangen haben?!“ Damit will ich Deshimaru nicht schlecht machen. Vielleicht habe ich einmal Gelegenheit, näher darauf einzugehen.

 

[Schwarz-Weiß-Photo von zwei Mönchen. Der eine steht, der andere kniet vor ihm. Der stehende Mönch trägt ein sehr ausgearbeitetes Gewand in Patchwork-Machart, ein Funzo-e. Er legt dem knienden Mönch vor ihm ein gefaltetes Kesa auf den Kopf, der es auf diese Weise in Empfang nimmt]

Ich habe noch nicht die Funzo-e, die Fetzen-Gewänder (‚rag-robe’ auf Englisch) erwähnt. Dabei werden Fetzen zusammengenäht, von weggeworfenen Stoffstücken, die gewaschen wurden. Wenn man Tücher wieder benützt, ist es wichtig, sie in gebrochenen Farben neu zu färben. Das muss ich betonen. Viele Leute spielen damit, Stoffe zusammenzunähen um eine Art Patchwork herzustellen. Auf der Gendronnière hat man mir eins gezeigt. Der Übende hatte außergewöhnliche Stoffe aus der ganzen Welt gesammelt, um daraus ein Kesa zu machen. Leider fehlte etwa: der rechte Geist des Kesas.

 

Irren Sie sich nicht, das Kesa ist weder ein Kunstwerk noch ein gewöhnlicher Gegenstand! Manche, die Ordinationen erteilen, mögen Vergoldungen oder Farben, die hervorstechen, wie schwarz oder weiß. Das ist schade, besonders, wenn diese Menschen Zazen richtig üben. Ich bitte Sie also, seien wir bescheiden und achten wir darauf, dass der persönliche Wille nicht an die Stelle der Regeln tritt.

 

Man muss den Geist des Kesas achten. Im Allgemeinen kann ich sagen, dass [in der Sangha von Deshimaru] die Rakusu und Sieben-Streifen-Kesa sehr gut gearbeitet sind. Wo es schon aus dem Ruder gerät, sind die Neun-Streifen-Kesa und die Funzo-e. Vielleicht haben Sie bisher noch nichts über die Kesa mit vielen Streifen gehört. Aber ich bitte Sie, halten Sie sich an die Regeln.

 

Ich habe vergessen darauf hinzuweisen, dass im Gegensatz zum Rakusu, das Sieben-Streifen-Kesa nicht gefüttert wird. Ab neun Streifen ist allerdings ein Futter notwendig. Ich habe mal ein großes Kesa ohne Futter gesehen, aber das ist ein Einzelfall. Unter den Schulen des japanischen Buddhismus kann man die unterscheiden, die dem Kesa Bedeutung zumessen, von denen, für die es ohne Bedeutung ist. Man hat mir ein Kesa aus einer ganz traditionellen Seide aus Kyoto gezeigt. Aber ihr Glanz entspricht nicht dem Geist der Schriften.

 

[Kishigami, stehend, ein blaues und schwarzes Kesa bedeckt seine linke Schulter und seinen linken Arm]

Welches Material soll man beim Nähen eines Kesas benützen? Man nimmt einen kostengünstigen Stoff, einen Stoff, wie er gerade zur Verfügung steht. Er soll matt sein, ohne Muster, auch nicht rutschig.

 

Sonst nimmt man einen Wollstoff, oder Baumwolle, Synthetik oder Seide. Da gibt es keinerlei Einschränkungen. In der Mongolei sind zum Beispiel Tierfelle gestattet. Wichtig ist im Übrigen, dass die Farbe einfach und zurückhaltend ist. Die drei Ur-Farben kommen nicht in Frage. Reines weiß geht nicht. Bei Schwarz darf es nicht ein reines Schwarz sein. Traditionell bestand in Japan die Gewohnheit, schwarz zu tragen, aber die Schüler von Kodo achten darauf, dass es kein reines schwarz ist und also nehmen sie ein etwas verblichenes Schwarz. Ich weiß, dass man sich in der Theravada-Tradition und im heutigen Japan oft hinsichtlich der Farbenwahl irrt.

 

Die Mönche, die Eihei-ji absolviert haben, tragen im Algemeinen ein gelbliches Kesa. Wenn gelb beruhigend ist, ist es in Ordnung, wenn es nicht eigelb ist. Es ist vorzuziehen, es ein wenig schmutziger zu machen. Man wird feststellen können, dass in der Theravada-Tradition die getragenen Kesa den regionalen Gepflogenheiten folgen. Man findet die ziegelrote Farbe der Erde wieder, ich werde mir nicht erlauben, sie zu kritisieren. In Japan bilden Bäume den Hintergrund der Landschaft. Doch bei Zeremonien haben die Mönche die bedauerliche Neigung das Kesa als Schmuck zu betrachten. Allgemein gesagt sollte man das Kesa nicht für ein priesterliches Obergewand halten. Das Kesa soll Ruhe ausstrahlen und wir sollen im Einklang mit dem Geist sein. Uns Buddhisten liegen Machtansprüche fern. Worum es geht, ist Schüler des Buddhas zu sein.

 

 

Ich für meinen Teil gehe davon aus, dass man sich auf die alten Texte stützen sollte. Und Sawaki hat das Kesa wiederhergestellt, das ein wenig aus dem Ruder geriet. Sie sollen also wissen, dass die Schüler von Kodo Sawaki traditionellerweise ein verblichenes Schwarz wählen.

 

[Eine Nonne hilft einer anderen beim Anziehen eines schwarzen Kesas]

Ich habe feststellen können dass die Europäer dazu neigen, mit weißem Faden zu nähen, aber ich rate Ihnen, einen Faden zu wählen, der etwas heller in der Farbe ist als der Stoff. Zum Beispiel grau auf schwarzem Stoff, oder eher beige, wenn der Stoff braun ist. So wird die Naht nicht so hervorstechen und zurückhaltend bleiben. Auf den, der es anschaut, wird es eine beruhigende Wirkung haben. So wird das Nähen leichter fallen und die Streifen werden deutlicher hervorgehoben.

 

Was sonst noch zu sagen ist, zu den Maßen: ganz allgemein, soll das Kesa weit genug sein, um Sie beim Zazen ganz zu bedecken, ohne dass Sie aber stolpern, und auch ohne dass es den Boden berührt.

 

Der Abstand zwischen den Streifen ist immer derselbe. Was Sie bei Kesa-Verkäufern in Japan finden können ist völlig daneben. Die Streifen nämlich, die die Reisfelder darstellen, müssen alle gleich breit sein. Alle Kesa, die Deshimaru genäht hat, haben gleiche Streifen, was richtig ist.

 

Ich weiß, dass die Übenden oft neuen Stoff kaufen, aber man kann sehr wohl Stoffe wieder verwenden, aufgetrennten und geflickten Stoff. Man muss nur Stoff mit Flecken oder Löchern aussortieren. Das ist mit gesundem Menschenverstand zu handhaben und man muss sehr genau schneiden, ein wenig wie ein Chirurg Krankes entfernt. Wenn die Stücke geschnitten sind, setzt man sie zusammen.

 

Man kann das alles etwa mit der Erziehung eines Kinds vergleichen: das Ganze wird aus Stücken zusammengesetzt. Der Übende, der das Kesa tragen wird, Sinnbild des Schülers Buddhas, sollte nicht verletzen und das Kesa schützt ihn. Der Übende muss also sorgfältig damit umgehen. Sie können also besser verstehen, warum man es auszieht, bevor man auf die Toilette geht… .

 

[Nahaufnahme von Händen, die ein Kesa nähen: brauner Stoff, hellbrauner Nähfaden]

Das Nähen eines Kesas erfordert Weisheit und Mitgefühl. Ein wenig wie ein Buddha oder einen Gegenstand der Verehrung herzustellen. Der Stich soll etwa 3 mm breit sein: wie ein Getreidesamen. Die Begabteren machen einen ganz kleinen Stich. In Indien sagt man, dass ein Kesa in so vielen Tagen zu Ende zu nähen ist, wie es Streifen hat: ein Fünf-Streifen-Kesa in fünf Tagen, ein Sieben-Streifen-Kesa in sieben Tagen. Das sagt man, damit die Leute das Nähen eines Kesas nicht zum Vorwand nehmen, um nicht Zazen zu üben. Aber es ist nichts dagegen zu sagen, eine Kesa in sechs Monaten oder einem Jahr zu nähen. Gewiss nähen manche Übende besser als andere. Das ist ohne Bedeutung. Von Bedeutung ist, es von Herzen zu nähen.

[Eine Nonne im schwarzen Gewand sitzt auf einem Stuhl und näht ein schwarzes Kesa]

(1) Takkesa Ge (Kesa-Sutra)

Dai sai gedap-puku (O Kleidung der großen Befreiung)
Muso fuku den e (Gewand des Glücks-Felds, ohne Gestalt)
Hi bu nyorai kyo (Die Unterweisung des Buddhas empfange ich im Glauben)
Ko do shoshu jo (Um weit allen Lebewesen zu helfen)