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Keine Fähigkeiten notwendigvon Philippe Coupey
Wenn wir eine Person begutachten, müssen unsere Augen wahr sein und sie erfassen vor ihrem Handeln.
Natürlich gibt es eine Übertragung jenseits der Schriften. Unsere Übertragung beginnt mit Buddha, der vor Mahakashyapa die Blume drehte – was nichts mit Schriften zu tun hat. Tatsächlich haben die meisten Zen-Geschichten nichts mit Schriften zu tun: Hoteis Finger, der auf den Mond zeigte, Guteis Daumen… Um also anderen zur Hand zu gehen, dürfen wir uns nicht auf Wörter stützen. Zen-Sprüche können uns nicht wirklich helfen und auch schön formulierte Sätze nicht.
![]() Heute basiert alles auf Form. „Oh, er schreibt sehr gut!“ „Was für ein wundervoller Satz!“ Kürzlich las ich ein Sutra (Samyutta-Nikaya II, 267), und war beeindruckt von einem Hinweis auf die Kali Yuga-Periode mit Namen „Die Apokalypse“, die erklärte, wann und warum wir das Wesentliche in Buddhas Lehre verlieren werden. Dort steht, dass es eines der Zeichen für den Niedergang dieser Lehre wäre, wenn wir begännen, schöne, blumige Sätze zu schreiben und alles auf diese Art umzugestalten.
Was ist also das Wesentliche? Es ist i shin den shin.
Natürlich braucht unsere Zivilisation große Werke. Aber was ist wichtiger – große Werke oder große Menschen? Wir könnten sagen, die Welt brauche große Männer und große Frauen ohne große Werke.
Meister Rinzai sprach oft über „den Menschen ohne Qualitäten“. Meister Deshimaru hatte meines Wissens keine Qualitäten. Vielleicht ist das charakteristisch für einen großen Menschen.
Die große Straße nach Choan ist gerade, wie eine Linie.
Es sind keine besonderen Qualitäten nötig, um ihr zu folgen. Mut ist keine Qualität. Meister Kodo Sawaki sagte, als er darüber sprach, wie man zu leben habe, um sich der Realität bewusst zu werden – Und das ist genau das, was wir im Zazen tun, das ist die Lehre, das ist der Mond und nicht der Finger, der auf ihn zeigt. – dass man Mut brauche. Kaltblütigkeit. Um sich selbst von der eigenen Blindheit zu befreien.
Das trifft nicht wirklich auf den zu, der ein Wörter-Spezialist ist, obwohl sich Schriftsteller oft selbst als mutig bezeichnen. Das ist intellektuell, das ist im Kopf und das taucht nicht ein in Körper und Geist.
In unserer heutigen Gesellschaft ist die Form unsere einzige Beziehung zur Welt geworden und die Wörter dienen dazu, das Bild der Form zu gestalten. Dies ist nicht die Tat des darüber hinaus gehens. Dies ist nicht die Tat des unbekannten – „unbekannt“ im Sinne von sampai. Der einfache Mensch hatte kein Bild in seinem Kopf. Das kam später. Er machte sampai. Er vereinigte sich mit dem Universalen. Er war universal und nur universal. Heute ist er ein Individuum, jemand, der Erfolg haben muss, der ein Gespür für das Selbst entwickeln muss.
Erziehung ist wesentlich. Aber es muss eine Erziehung sein, die den wahren Geist berührt. Dies ist Zazen: Erziehung, nicht des frontalen Gehirns oder Intellektes sondern des zentralen Gehirns, des Hypothalamus, des Berührungspunktes zwischen Körper und Geist. Das bedeutet es, sich nicht auf Wörter zu stützen. Das ist das Handeln vor dem Handeln. Das ist es, den Banalitäten keine Beachtung zu schenken. Das ist gerade, wie eine Linie. Das ist der Mut, über den Kodo Sawaki spricht. Das ist der Mensch ohne Qualitäten. Der große Mensch.
Dies ist keine Erziehung, die uns in diesem oder jenem Bereich effizienter macht. Es ist keine Erziehung, mit der wir Diplome erlangen. Es ist eine Erziehung, die darin besteht, den menschlichen Charakter, den Geist, vollständig zu entwickeln.
Kürzlich wurde eine Studie durchgeführt, um herauszufinden, warum bestimmte Männer und Frauen zu wichtigen Menschen in unserer Gesellschaft wurden, zu Menschen, die einen großen Einfluss auf dieser Erde hatten. Und die Schlussfolgerung war, dass es nie von der Erziehung in der Schule und sicherlich auch nicht von ihren bestandenen Diplomen abhing. Es war ihrem Charakter zu verdanken, der während ihrer Lebenszeit aufblühte.
Die große Straße nach Choan ist gerade, wie eine Linie.
Kodo Sawaki sagte oft, dass unsere Praxis bedeute, das Leben zu leben, welches gerade aus verlaufe. Ein klar definiertes Ziel.
Gehe direkt zu den Wurzeln. Ku. Folge nicht Wörtern. Folge nicht der Sprache. Vor den Wörtern, vor der Sprache, vor den Sutras, vor den Bildern. Das ist es: Zur Hand zu gehen. Das geht darüber hinaus. Es bedeutet nicht, die Erde zu verlassen und im Kosmos zu schweben mit Dogen und Daichi. Wir müssen zur Erde zurückkommen, in die Erde eingehen, wie die beiden kämpfenden schmutzigen Kühe, die in die See gefallen und darin weggeschmolzen sind. Keine Illusionen mehr.
Samurai Jocho Yamamoto Tsunetomo (d. 1719): „Der Mensch, der seinen Ruf auf Fähigkeiten einer speziellen Technik gründet, ist ein Schwachkopf… So ein Individuum kann keinem Zweck dienen.“ (Hagakure) Teile eines Kusen, vorgetragen im Zen-Tempel La Gendronnière, 21.-24. Oktober, 2004.
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![Philippe Coupey beim Sesshin im Februar 2005 im Harz [Bild Philippe Coupeys im verschneiten Harz-Gebirge]](/img/pcgorenzen.jpg)