Zen Road
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Duhkka – das Leiden, sich nicht zu verwirklichen

 

Es ist nicht leicht, gegenwärtig zu sein. Gegenwärtig bei allem, was man im Kopf hat, was man nicht flieht, sondern vorbeiziehen lässt. Das ist recht ungewöhnlich als Haltung: Nicht fliehen, und doch die Gedanken vorbeiziehen zu lassen! Die Gedanken vorbeiziehen lassen, weil sie ihren Weg machen werden; wenn man sie im Kopf zurückbehält, bleiben sie lediglich intellektuell.

 

Was im Körper bleibt, ist das Empfinden; es ist die Spur, die in Zazen bleibt, die unsere Atmung beeinflusst und die wir beobachten können. Nicht gegensteuern, sondern respektieren: wenn man versucht, willentlich einzugreifen, verschärft sich die Lage; es bleibt also nichts weiter übrig, als loszulassen: die Hoffnung loszulassen, das Problem zu lösen.

 

Duhkka, das ist das Leiden, sich nicht zu verwirklichen. Wenn wir unsere Schwierigkeiten anschauen, welche auch immer es sein mögen, so sind sie im Grunde immer mit diesem Leiden verbunden, sich nicht zu verwirklichen. Sich nicht verwirklichen bedeutet, nicht voll und ganz da sein; in völlig vertrautem Umgang mit dem, was wir erleben. Lebendig sein da,wo man ist, das bedeutet nicht unbedingt, von der Gesellschaft anerkannt zu sein; sondern es heißt das Empfinden haben, dass unser Dasein wirklich mit der Welt verbunden ist. Andernfalls erfindet man sich eine Beschäftigung, gesellschaftliche Positionen. Sich verwirklichen findet in jedem Augenblick statt.

 

Dazu beitragen, dass alle Lebewesen sich verwirklichen, das ist das erste Gelübde, das der Bodhisattva ausdrückt. Im Mahayana, einer der Schulen des Buddhismus, versteht man, dass man sich nicht verwirklichen kann, wenn man nicht zur Verwirklichung aller Lebewesen, ohne auszuwählen, beiträgt.

 

Es ist angesichts dieses Leidens, das uns ergreift, wenn wir die Welt beobachten, dass wir gegenwärtig zu sein haben – in Zazen oder im Alltag. Nicht leicht ... Wir haben Aufgaben undVerpflichtungen, denen wir nachkommen müssen, alles Dinge, die dazu führen, dass wir uns rasch verlieren, wenn wir nicht zum Wesentlichem zurückkehren.

 

Wir können lange in der Problematik der „Selbstverwirklichung“ verharren; aber es genügt nicht, das Problem deutlich zu machen, um es zu lösen: selbst diese Fragestellung muss man loslassen; wir müssen wach bleiben.

 

Wie dazu beitragen, dass alle sich verwirklichen – und auch wir selbst, denn „alle“, das sind auch wir selbst? Das ist die Unterweisung des Hannya Shingyo, des Sutras der großen Weisheit: sich bewusst werden, dass die Dinge in Wechselbeziehung sind; sich nichts vormachen in Bezug auf das, was ist, und, zusammen, wirklich leben.

 

von PATRICK MALLE, 28. November 2007

aus dem Französischen von BERTRAND SCHÜTZ

duka