Zen Road
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Warum woanders hingehen?

von Kodo Sawaki

 

Sucht nicht nach Wahrheit, schneidet die Illusionen nicht ab,
Versteht, dass beide leer sind und frei von Eigenschaften.

 

- Yoka Daishi, aus dem Shodoka

 

Die meisten Männer suchen nach der Wahrheit und fliehen vor Illusionen. Sie befinden sich in einem Loch, rennen im Kreis herum auf der Suche nach einem guten Ort, flüchtend vor dem schlechten. Das eine ist nicht besser als das andere, aber sie drehen sich endlos im Kreis.

 

Jeder hätte gern ein gutes Gedächtnis um sich daran zu erinnern, was andere gesagt und geschrieben haben. Aber das bloße Auswendiglernen von Dingen, die getan wurden, führt zu einem aufgesetzten Leben, es reduziert unsere Individualität und Originalität ins Nichts. Andererseits ist es eine ziemliche Plage alles zu vergessen. Ist es also besser ein gutes Gedächtnis zu haben als ein schlechtes? Ziehen wir es vor, uns zu erinnern? Wo liegt die Wahrheit? Ich weiß es nicht.

 

[Eines der seltenen Fotos von Kodo Sawaki zusammen mit Taisen Deshimaru, bei einem Sommersesshin, Anfang der 60er Jahre]

Shakyamuni sagte: „Du darfst dein Leben nicht mit Herumirren verbringen. Du suchst ein Haus, obwohl du längst eines hast. Bau kein anderes!“ Die Leute sind immer in Bewegung. Was sie haben, schätzen sie gering und laufen etwas anderem hinterher. Man muss nur ein Kind beobachten, um zu verstehen: Es hat eine Puppe, aber wenn ein anderes Kind Schokolade hat, möchte es auch Schokolade. Hat es die Schokolade und sieht eine Pfeife, will es eine Pfeife. Dann ist es ein Kreisel, das geht endlos weiter. Was es besitzt, interessiert es nicht mehr, sobald es etwas anderes sieht. Das meint Shakyamuni mit „Herumirren“.

 

Wir suchen nach dem, was wir mögen, aber unser Blickwinkel verändert sich ständig. Shakyamuni sagt uns: „Du hast bereits ein Haus, bau kein anderes!“ Wurde nicht jeder von uns mit einem Gesicht geboren, einem Gehirn, einem Körper? Schön, dann ruht in Frieden in euch, ohne woanders hinzuschauen. Dennoch schätzen wir nicht, was wir sind, den Moment den wir erleben, den Ort, an dem wir leben und wir gehen auf die Suche nach etwas anderem.

 

Im Lotus Sutra steht geschrieben: „Der Schatz liegt direkt neben dir.“ Der letzte Ruheplatz ist nicht am Ende der Welt: er ist hier. Es steht auch geschrieben: „Selbst wenn er neben dir liegt, siehst du ihn nicht.“ Die Wahrheit ist so nah, und du siehst sie nicht! Der Schatz ist so nah, und du siehst ihn nicht! Buddha ist so nah, und du siehst ihn nicht! Du gehst weit, weit weg auf der Suche nach Buddha und Satori, und du landest in der Hölle. Du stürzt in Verwirrung und Hast und wenn du ankommst, ist da nichts. Plötzlich lichtet sich der Nebel: Es war nur eine Fata Morgana. Du willst zurück zu dem Land, aus dem du gekommen bist, aber dann siehst du, dass du nun von Bergen umgeben bist. Berge scharf wie Rasiermesser und es gibt keinen Weg zurück. Das ist die Hölle, die Hölle von Männern, die in der Wüste verdursten.

 

Wir wollen der Welt, die wir als schrecklich empfinden, entfliehen, aber nachdem wir sie verlassen haben, vermissen wir sie wie das verlorene Paradies. Die Menschen wollen immer fortgehen und wenn sie an ihrem Ziel ankommen, fühlen sie sich wie Ratten in der Falle, und der Ort von dem sie kamen, wirkt gleich viel schöner.

 

Je mehr wir suchen, desto tiefer versinken wir im Schlamm. Je tiefer wir sinken, desto mehr leiden wir. In der Biografie des Malers und Dichters Buson las ich diesen Satz: „Er hatte ein fröhliches und sorglosen Wesen, seine friedliche Seele suchte nicht nach neuen Horizonten.“ Wenn wir nach nichts streben, nicht einmal nach Satori, fühlen wir uns wohl, weil wir keine Spannungen haben. Es ist sehr wichtig dieses Wohlergehen zu spüren. Wenn wir kein Bedürfnis nach Geld haben, nach Ruhm, nach einer gesellschaftlichen Stellung, nach Satori oder sogar nach Leben, fühlen wir ein einmaliges Gefühl des Wohlbehagens.

 

Auf der anderen Seite gibt es Leute, die nach Satori streben, die spät schlafen aber gleichzeitig gut essen, die gerne keine Wünsche hätten, die aber Geld und Spaß lieben. Es gibt auch faule Menschen, die davon träumen workaholics zu sein. Diese endlose Kette von „Ich will dies, ich will das“ führt zwangsläufig ins Leid. Wie das Sprichwort sagt, wir wollen lang leben aber auch fugu essen.(1) In einem Wort, wir wollen alles gewinnen, was zählt.

 

Der Tag unseres Todes steht nicht fest und wir wissen weder woher wir kommen, noch wohin wir gehen. Konsequenterweise ist das einzige, was wir zu akzeptieren haben unser Selbst, wie es ist, in unserer derzeitigen Realität. Wir müssen uns selbst an die Hand nehmen, uns festhalten, uns nicht gehen lassen. Wenn wir uns selbst gut im Griff haben, können wir weder hinter etwas herlaufen, noch davor weglaufen.

 

Durch Nicht-Suchen und Nicht-Abschneiden unserer Illusionen erlangen wir eine unerschütterliche Ruhe. Mit Würde sitzen, Knie in den Boden gedrückt, den Rücken gerade und den Bauch entspannt, bleibt der Körper ruhig und der Geist wird gelassen. Gestern war ein guter Tag, heute auch, morgen wird ein guter Tag sein und übermorgen auch.


(1) Wir wollen den Kuchen behalten, ihn aber auch essen. Fugu ist Japanisch für Kugelfisch, eine Delikatesse in Japan, obwohl seine Leber sehr giftig ist. Der Fisch muss von ausgebildeten Spezialisten zubereitet werden. Trotzdem kommt es jedes Jahr zu einigen Vergiftungsfällen, meist mit fatalen Folgen.


Auszug aus dem Chant de l’Éveil: le Shodoka commenté par un maître zen („Das Lied des Erwachens: Kommentare eines Zen-Meisters zum Shodoka“) von Kodo Sawaki (Paris: AZI/Albin Michel, 1999).